Big Time Sarah singt den Blues
"The Night is beautiful", do you now why?", ruft die Sängerin. Und das Pub-likum brüllt zurück: "The Night is black". Ein Uhr nachts in Chicago. Big Time Sarah singt den Blues.
Chicago nach Noten ...
Im "Blue-Chicago" drängelt sich Schulter an Schulter das Publikum. Auf der kleinen Bühne wischt sich Big Time Sarah mit ei-nem Handtuch durch das Schweiß nasse Gesicht. Sie singt von besseren Zeiten, gutem Sex, und miesen Kerlen. Dabei kreischt sie im Duett mit dem jammernden Spiel der Slide-Gitarre, wimmert und stöhnt zum "dreckigen" Ton der Mund-harmonika und swingt ihren "pfundigen" Körper über die Bretter. Der Blues der Powerfrau ist stimmgewaltig, rauh und sexy. Sarah nennt ihn "Therapie". "Die Wahrheit des Blues erzählt dir das Le-ben", sagt sie beim Pausenbier.
Für Johnny B. Moore im Schwesterclub "Blue Chicago On Clark" ist der Umgang mit Musik eine Frage der Hautfarbe: Die Weißen tragen ihren Knacks im Herzen zum Psychiater, die Schwarzen lassen den Blues herein. "That's the difference", stellt der Delta-Blues-Man vom Mississippi fest. Dann hängt er sich seine E-Gitarre um und schließt die Augen. Im Lokal ist es mucksmäuschenstill. Der jähe Aufschrei seiner Gitarre, das explodierende Schlagzeug und der hämmernde Bass dringen bis vor die Kneipentür auf den Neon er-hellten Bürgersteig. "Hey man, that's Johnnys' 'Back Door Friend'", erkennt der Taxifahrer den Song, als er den Gang zu "Buddy Guy's Legends" einlegt.
Der Eigentümer der Musikbar ist selbst eine der letzten lebenden Blueslegenden. Vor 18 Jahren eröffnete Buddy Guy am City-Rand das Mekka des Blues. Die blauen Wände des Kino großen Clubs mit Billardtischen und langem Bartresen sind vollgehängt mit Andenken und Requisiten berühmter Blues-Veteranen. Nacht für Nacht trommeln Bands den stürmischen, "echten" Chicago Blues in die Gehörgän-ge der Besucher: Ein mit Hightech-Equipment für Konzerthallen tauglich ge-machter Sound. Schwarze Landarbeiter strömten früher in die Schlachthöfe und Fabriken und brachten ihre unkomplizierte Musik vom Mississippi mit nach Chicago. Es war eine Frage der Zeit, bis die Groß-stadt der Akustikgitarre ihre Melancholie nehmen und sie "elektrisieren" würde.
"Soll ich mit der Zunge spielen, damit ihr eine mitreißende Nacht habt?", fragt der Lead-Gitarrist die johlende Fan-Gemeinde. Das kommt an. Das Lokal vib-riert, auf den Tischen tanzen Gläser und Flaschen Boogie Woogie. Nur die "Legen-de" greift heute nicht zum Instrument. Buddy sei auf Tournee, verrät der Bar-keeper. Dafür spielt die Band Buddy Guys Erfolgstitel "First Time I Met The Blues" in dieser Nacht gleich drei Mal.
Das Adjektiv "legendär" schmückt auch die "Green Mill". Das Hauptquartier des coolen Chicago-Jazz bevorzugt jedoch leise, dezente Töne. In dem einstigen Ga-noventreff von "Maschinengewehr" Jack McGurn ließ Al Capone die Puppen tan-zen. Eine originelle Einstimmung auf die Jazzbar ist ein Gangstertrip, der Spuren der Gewehrsalven von Capone, Dillinger & Co. folgt. In der N. Clark Street stoppt jeden Tag vor dem Rock & Roll McDo-nalds ein schwarzer Bus mit der Aufschrift "Untouchable Tours".
Von den Gaunerjahren, als in der "Green Mill" beim Erscheinen Al Capones die Combo augenblicklich dessen Lieblingsmelodie "Rhapsody in Blue" spielte, be-richtet ein dicker Lederband mit vergilbten Zeitungsartikeln, den der Barmann auf Wunsch zu einem Manhattan "serviert". 1986 hatte Dave Jenilo die "Mühle" gekauft. Mit dem verklärten Gangsterboss-Image muss er wohl auch in diesem Jahr-hundert leben müssen. Das lässt Jenilo manchmal mit den Zähnen knirschen, viel öfter aber die Kasse klingeln. Meistens seien es Touristen, die fragen, welchen Thekenplatz Capone bevorzugte und ob es irgendwo Einschusslöcher gebe.
Eines hat sich bis heute nicht geändert: Wer das Spiel der Jazzer plaudernd begleitet, wird als ungebetener "Vokalist" kurzerhand vor die Tür gesetzt. Für allzu redselige Herrschaften empfiehlt sich da vielleicht doch eine andere Lokalwahl: Bestimmt singt Sarah irgendwo den Blues.
Weitere Blues-Clubs in der North Side sind das House of Blues, dem zwar die typischer Blues-Atmosphäre fehlt, das a-ber mit seinem Musikprogramm über-zeugt. Szenenlokale: B.L.U.E.S. und "Kingston Mines". Bekanntester Club in der South Side: "New Checkerboard Lounge". In dieses verrufene Wohnviertel fährt man am besten mit dem Taxi. Richtig los geht es in den Musikkneipen erst nach 22 Uhr. Die meisten sind mindestens bis zwei Uhr nachts, an Wochenenden bis fünf Uhr früh geöffnet.
Autor: Manfred Lädtke