Kanareninsel ohne Bettenburgen
Ein Besuch auf La Gomera
La Gomera ist so ganz anders als die anderen Kanareninseln. Man findet kaum Bettenburgen und die fast 60 tiefen Schluchten, die Barrancos, geben der Insel ein zerfurchtes aber dennoch wunderschönes Gesicht. Die Barrancos starten am Meer und laufen von hier aus über die gesamte Insel.
Nach La Gomera kommt man mit dem Schiff von Teneriffa oder Gran Canaria aus. Der Pauschalurlaub ist auf La Gomera noch nicht angekommen. Diese Insel ist das Paradies der Individualreisenden. Vom Massentourismus scheint man auf dieser Insel noch nie was gehört zu haben.
Der Geheimtipp
Wer Urlaub auf La Gomera sollte einen Ausflug nach Agulo machen. Von der Inselhauptstadt San Sebastian, die lediglich 5.000 Einwohner zählt, führen verschlungene Straßenpässe Richtung Norden über Hermigua ins verschlafene Agulo.
Agulo wirkt wie der Garten Eden. Hier gedeiht Wein, die Mango-Frucht, Orangen und Avocados.
Erst kam das Zuckerrohr und dann
"Die Spanier haben damals (für den Schiffsbau) den Wald bzw. die Wälder auf La Gomera fast vollständig abgerodet", erklärt uns Lucas, unser Reiseführer, kurz. "Erst nach einigen Fehlschlägen mit Zuckerrohr haben sie versucht konventionellen Ackerbau zu betreiben, doch auch diesmal ohne viel Erfolg".
Erst die Dattel setzten sich auf La Gomera durch und noch bis heute ist fast die gesamte Insel von Dattelpalmen bedeckt." Lucas schaut über die Ebene und fährt fort: "Heute gewinnen wir aus den Datteln den berühmten Guarepo, unseren Palmensaft".
"Aus dem Guarepo wird später der Palmenhonig, der "Miel de palma" veredelt, den wir in die ganze Welt exportieren." sagt es und blick fast etwas stolz zu mir. Die Ernte des Guarepo läuft fast über ein Viertel-Jahr. "Wir holen dann bis zu 8 Liter pro Tag aus den Hainen heraus." beendet Lucas noch seine Ausführungen."Davon leben wir".
Ein Pfiff erschreckt mich
Lucas legt seine Finger sanft an seine Lippen und es ertönt ein sehr hoher und eindringlicher Ton, der über die Dattelpalmen geleitet und schließlich an einer kleinem Felsvorsprung reflektiert wird und erneut zurück zu uns kommt. Einen derartigen klaren Ton hatte ich zuvor noch nie gehört. Dieser Pfeifton erschreckte mich, hatte aber auch etwas Beruhigendes. Ein komischer Ton. Eine Psychologin, wie meine Frau, würde nun wohl sagen, "Der Piff lag im emotionalen Spektrum in der sog. "Oben-Links-Musik", ähnlich wie z.B. Rockmusik: erschreckend und anregend, aber dennoch für viele Hörer schön".
Eine pfeifende Sprache
Lucas gehört zu den Guanchen, einer Volksgruppe auf La Gomera, die sich mit Pfeiftönen verständigen kann. Diese Sprache ist seit Jahrhunderten unter den Guanchen ein adäquates Mittel der "Telekommunikation". Schon vor 500 Jahren berichteten Besucher der Insel von "pfeifenden Menschen" und von der "Sprache der schrillen Lippen". Schon damals kamen also "unsere Vorfahren" in den Genuß der "Oben-Links-Musik".
Die Pfeif-Sprache, die heute sogar Pflichtfach in den Schulen ist, war, ähnlich wie das Jodeln in den Alpen, ein Mittel um über die Schluchten, den Barrancos, hinweg ein Gespräch führen zu können. Aber anders als das bayrische Jodeln, bedeuten die unterschiedlich hohen und tiefen Pfeiftöne wirklich etwas. Es können sogar richtige Sätze gebildet werden. Seit einigen Jahren steht die Pfeif-Sprache unter dem Schutz der UNESCO und ist offizielles Weltkulturerbe der Menschheit. Angesichts dieser Auszeichnung wirkt meine Einordnung als "Oben-Links-Musik" fast etwas respektlos.
Ein Fest für die Augen
Zurück zum Ort Agulo. Dieser malerische Siedlung liegt an einem braugrauen Hang des Garajonay-Gebirges im Norden Gomeras. Von Agulo aus kann man Teneriffa sehen und wenn man weiter über das Meer blickt, kann man den höchsten Berg Spaniens den Teide, mit immerhin 3.718 Meter, erblicken. Ein wundervoller Ausblick. Agulo ist eingebettet von natürlicher Schönheit, von Bergen und Meer. Aber nicht nur die Natur macht einen Ausflug nach Agulo zu einem wunderschönen Erlebnis, auch in Sachen Kultur hat dieser Ort viel zu bieten ...
Alljährlich wird in Agulo das berühmte Fest "Fiesta Los Piques" gefeiert. Dann "packen" die Bewohner Agulos wieder ihre Lippen aus und erwecken für einige Tage die Pfeifsprache der Insel wieder zum Leben.
Wo auch schon Columbus war
Langsam brechen wir auf und fahren zurück nach San Sebastian. Viele Eindrucke drängen sich uns noch in den Köpfen und diese sind voller Schönheit und Sonne.
Wir halten kurz in La Chipude und kehren in ein kleines Bistro ein. Hier gibt es den lokalen Weißwein und der schmeckt, unvergesslich! La Chipude wird im Volksmund auch als "Isla Colombina" bezeichnet. Warum heißt dieser Landstrich so, frage ich Lucas und er erzählt, dass Columbus auf dem Weg in die "Neue Welt" hier einen Zwischenstopp einlegte, um Essen und Wasser für seine Mannschaft zu bunkern. Besonders das Wasser spielte bei der Entdeckung Amerikas eine wichtige Rolle. Der Legende nach soll Columbus nämlich mit diesem Wasser Amerika getauft haben ... "
Wir glaube es ihm und nehmen einen Schluck aus dem Brunnen "La Aguada", im Zentrum des Örtchen, in dem festen Glauben daran, dass wir vom Wasser trinken, mit dem Columbus damals im 15. Jahrhundert Amerika taufte.
Quelle: NWP